85 Jahre Imkern auf der Schmelz

Nach dem Ende der Monarchie, als Wien mit fast zwei Millionen Einwohnern unter Wohnungs- und Nahrungsnot litt, wurde an den Stadträndern bisher unbebautes Gelände zu Siedlungsanlagen und Schrebergärten umgewandelt.

"Auf der Schmelz" - damals ein großes Wiesengelände im heutigen 15. Bezirk - wurde das ehemalige Manöver- und Paradefeld mit einer der bis heute größten Kleingartenanlagen besiedelt. Ziel war es, der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, sich selbst mit Gemüse und Obst zu versorgen, weil der Nachschub aus den alten Monarchieländern abgeschnitten war. Neben dem Gartenbau war in den Schrebergärten auch die Kleintierzucht verbreitet; da durften auch die Bienen nicht fehlen, wusste man doch schon damals um die Notwendigkeit der Bestäubung der Obstgehölze.

Bereits im Jahre 1919, in den Wirren nach dem ersten Weltkrieg, wurde der Kleingartenverein "Zukunft" mit Sitz im Schutzhaus in der Kleingartenanlage "Auf der Schmelz" gegründet. Auch die Bienenhaltung florierte und die Mitgliederzahl stieg bis auf 252 Personen an. Die meisten davon stammten aus der unmittelbaren Umgebung und waren Kleingärtner. 1920 wurden die Imker des Kleingartenvereines "Zukunft" in einem eigenen Verein zusammengefasst. Dieser Imkerverein auf der Schmelz war 1925 einer der Mitgründer des Wiener Landesverbandes für Bienenzucht.

Weidenblüte
Weidenblüte

Die Imkergemeinschaft auf der Schmelz hat bis heute überdauert und feiert heuer Ihr 85-jähriges Jubiläum.

Die damalige Bienenhaltung war wegen der besseren Honigerträge auf Wanderimkerei eingestellt. Nach der Obstblüte in den Wiener Randbezirken wurden bis zu 50 Bienenstöcke und bis zu sechs Personen auf einem Lastauto in die umliegenden Kleefelder verfrachtet. Nach der Mahd ging es zurück in die Kleingärten und zu Beginn der Waldtracht wieder hinaus in den Wienerwald. Die letzte Tracht war die Vusper (Buchweizen). Wegen der wenigen und nicht sehr zuverlässigen Transportmittel und den schlecht ausgebauten Straßen waren die Imker - viel stärker noch als heute - beim Wandern und bei der Revision der Völker auf die gegenseitige Hilfe angewiesen. Sofern nicht Völker transportiert wurden, erfolgte die Anreisezu den Wanderständen mit dem Postautobus und der Bahn. Danach folgte eine meist längere Wanderung zum Stand auf dem Land. Die Völker älterer Imker, die diesen körperlichen Anforderungen nicht mehr gewachsen waren, wurden von Jüngeren mitbetreut. Die gemeinsam erlittenen Strapazen für wenige Kilo Honig mehr pro Volk, schweißten die Gemeinschaft in besonderer Weise zusammen und stärkten die Beziehung des Einzelnen zu "seinen" Bienen.

Der Imkerverein auf der Schmelz wurde nach der Besetzung Österreichs im Jahre 1938 in den deutschen Kleintierzuchtverein integriert. Die enge Zusammenarbeit der einzelnen Imker wurde vor allem in der Zeit des zweiten Weltkrieges auf eine neue Probe gestellt. Zwei Kilo Honig pro Volk mussten abgeliefert werden, Nahrungsmittel waren rationiert, Futterzucker gab es nur wenig.

Fetthenne
Fetthenne

Die Erträge schrumpften wegen der immer geringer werdenden Ertragsflächen so stark, dass sogar allgemein empfohlen wurde, von den weit verbreiteten Lüftenegger Beuten und dem damals bereits vorhandenen Breitwabenstock auf kleinere Beuten und Rähmchen, das deutsche Einheitsmaß, umzusteigen.

1945 ist der Imkerverein als eigenständige Ortsgruppe III des Wiener Landesverbandes für Bienenzucht wieder erstanden. Der erste Obmann nach dem Krieg, Josef Eder, konnte bald 180 Mitglieder um sich scharen. Die wohl größte Herausforderung der damaligen Zeit bestand im Auftreiben und in der gerechten Verteilung von Zucker zur Wintereinfütterung der Bienenvölker. In der Nachkriegszeit diente der Honig vielfach als Tauschmittel gegen andere Lebensmittel und für Gegenstände des täglichen Bedarfs. Die wirtschaftliche Lage war teilweise so schwierig, dass leicht erreichbare Wanderstände aus Nahrungsmangel geplündert wurden.

1952 bis 1967 war eine Blütezeit des Vereines. Der damalige Obmann Johann Fitzinger konnte den ehemaligen Leiter der Wiener Imkerschule Professor Jordan, sowie den Bienenkundler Hofrat Plank - die damaligen Kapazitäteten der Bienenzucht - zu den Mitgliedern und Vortragenden zählen. Durch die seit 1952 im Lainzer Tiergarten betriebene einzige Wiener Belegstelle auf der "Sulzwiese" errang der Verein eine bis heute herausragende Stellung in der Wiener Bienenzucht. Jährlich werden bis zu 500 neue fleißige und sanftmütige Bienenköniginnen der Rasse Carnica an die Imker in Wien und Niederösterreich abgegeben.

Kirschenblüte
Kirschenblüte

Die Tradition der modernen Bienenzucht reicht von den damaligen Obleuten Friedrich Oszwald (1967 bis 1969), Hans Medonig (1969 bis 1982), Paul Schneeberger (1982 bis 1985) und Elfriede Stock (1985 bis 1991) bis zum derzeitigen Obmann Edmund Bischof (seit 1991) und zum engagierten ACA Züchter Johann Pulker.

Der einst größte Wiener Imkerverein hat heute 59 Mitglieder, die im Durchschnitt je 11 Völker betreuen. Die Bienen werden im Wiener Stadtgebiet und darüber hinaus überwiegend in Niederösterreich und in der Steiermark gehalten. Mit der fortschreitenden Entwicklung Wiens wurden die außerhalb des Gürtels liegenden Grünflächen mehr und mehr verbaut und durch die Umstellungen in der Landwirtschaft fehlen die Kleewiesen in der Umgebung Wiens. Für die Imker im Wiener Stadtgebiet bedeutet dies, dass ihre Blütentracht neben der Obstblüte vorwiegend auf Ahorn, Robinie, Rosskastanie, Linde und Götterbaum ausgerichtet ist. Wer wandern will, dem steht in der näheren Umgebung eine ertragreiche Rapstracht zur Verfügung. Waldhonig ist - wie vor 85 Jahren nur auf weiter entfernten Wanderständen zu gewinnen.

Dr. Erich Schuster

(veröffentlicht im Jubiläumsjahr 2005)

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